Angst

0732: Ich hatte Angst davor, das Leben zu lieben.

Ich hatte Angst davor, das Leben zu lieben.
Das war wirklich so.

Uta: Warum hatte deine Seele Angst davor,
weißt du das heute?

Felix: Weil ich das Leben dann wichtig genommen hätte.
Weil ich Angst hatte, nicht damit fertig zu werden,
wenn ich vom Leben enttäuscht bin.

Verstorbenenkontakt

 

Ich bitte meinen Guide, mich mit Felix zu verbinden, seine Mutter bittet darum.

Felix ist sofort da, in der Hand trägt er eine weiße Blume, ich bin mir nicht sicher, ob es eine Lilie ist oder eine Orchidee. Er legt sie sehr sorgfältig zu mir und sagt mit sanfter, leiser Stimme: Danke. Danke, es ist gut!

Felix ist ganz leger gekleidet, er trägt eine Sporthose, darüber ein Shirt. Er schiebt die Ärmel hoch, als wäre es ihm zu warm. In der Hand hat er eine dunkle Sonnenbrille, mit der er herumspielt, ohne sie aufzusetzen.

Er geht zum Fenster, schaut hinaus: Draußen tummeln sich zahlreiche Vögel in den kahlen Büschen, die Sonne scheint. Ein Hauch Frühling Ende Dezember, ein schöner, heller Tag trotz der Jahreszeit.

Lange sagt Felix nichts, beobachtet nur, jetzt beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Mit dem Rücken zu mir sagt er (seine Stimme ist wieder leise): Die Welt ist so schön! So schön! Ich habe das nicht mehr sehen können.

Kannst du das verstehen?

Uta: Ja, Felix, das ist so, wenn man sehr tief in einer Depression ist… dann hört man einfach auf, das Schöne zu sehen.

Felix kommt wieder zu mir, setzt sich, den Oberkörper nach vorn gebeugt, die Arme auf den Oberschenkeln, die Hände halten wieder diese Sonnenbrille.

Er sieht mir direkt in die Augen: Wenn du mich damals gefragt hättest, ich hätte gesagt: Das ist Quatsch! Depression? Ich bin doch nicht bekloppt!

Uta: Hättest du das nur mir gesagt?

Felix: Das hätte ich jedem gesagt! Weil ich es selbst geglaubt habe.

Uta: Hättest du jemandem gesagt, dass du Probleme hast?

Felix: Das habe ich so auch nicht geglaubt. Ich habe geglaubt, dass ich ein Problem BIN, verstehst du?

Dass ich, Felix, das Problem bin!

Uta: Und wie siehst du das heute?

Felix: Pff… ach (fährt sich mit einer Hand durchs Haar, überlegt lange).

Ich war wie einer, der sich verloren hat, ganz allmählich verloren. Ich wusste, was ich vernünftigerweise hätte fühlen sollen oder mir wünschen sollen.

Ich versuchte, das zu fühlen und zu wünschen, aber nichts davon war in mir wirklich so. Ich bin mir vorgekommen wie eine Glocke, die ist völlig in Ordnung, eine richtige Glocke.

Da ist ein Klöppel, nennt man das so?

Uta: Ja…

Felix: Da ist so ein Klöppel drin und der wird auch in Gang gesetzt und der schlägt auch richtig an, aber es gibt einfach keinen Ton!

Wenn ich richtig sauer war, dann gab es einen Ton, aber sonst? Pfff… nichts.

Uta: War das nur manchmal?

Felix: Erst nur manchmal…

Ich glaube, es fing an, als ich so 13 war. Erst manchmal und dann immer öfter, am Ende war es normal: Es war immer so.

Mal ist es mir aufgefallen, mal nicht. Aber was hätte ich damit machen sollen?

Sagen, dass ich nicht richtig ticke, ich weiß nur nicht wie?

Das wäre die Wahrheit gewesen, aber wie hätte ich das denn erklären sollen? Ich habe das selbst nicht verstanden.

Es war so anstrengend für mich, das wurde immer schlimmer.

Ich wollte ein guter Mensch sein, ein guter Mann… hatte da aber keine Vorbilder.

Was ist ein guter Mann? Einer, der Frauen nicht weh tut? Oder sowas in der Art?

Ich weiß nicht, ich habe das versucht, aber in mir, da war ich ständig voller Angst, dass ich doch nicht gut bin. Dass ich nur so tue…

Uta: Es gab einen inneren Felix und einen Äußeren?

Felix: Ja genau! Kennst du das, dass man so richtig miese Gedanken hat?

Uta: Unfreundliche Gedanken über andere? Das kennt sicher jeder. Das ist doch menschlich.

Felix: Ja, so was wie „Leck-mich“-Gedanken. Die hatte ich viel und dann habe ich mich geschämt dafür, habe darin den Beweis gesehen.

Uta: Beweis für was?

Felix: Dafür, dass es besser wäre, wenn es mich nicht gibt.

Uta: Verstehe. Du warst viel zu streng zu dir?

Felix: Nicht nur zu mir, zu einfach allem!

Uta: Du hast dich nicht liebgehabt?

Felix: Ne!

Uta: Und andere?

Felix: Das wollte ich! Man, habe ich das gewollt! Aber früher oder später kam die „Glocke“.

Uta: Du konntest es nicht fühlen, dass du liebst, nur wissen?

Felix: Ja, aber das war nicht genug. Am Ende hat das einfach nicht gereicht, um leben zu wollen.

Du hast mich gefragt, wie ich das heute sehe mit dem Selbstmord.

Hm… ich hätte das nicht tun müssen. Ich hätte einfach aufhören müssen, so verdammt stolz zu sein!

Uta: Dein Stolz war im Weg? Echt?

Felix: Ne, meine Angst davor, Liebe zu spüren.

Sag meiner Mama, dass ich damit zur Welt gekommen bin.

Ich hatte vom ersten Moment an Angst, richtig Angst.

Es lag nicht an ihr: Sie hat sich so viel Mühe gegeben, mich aus dieser verdammten Angst zu holen.

Aber ich hatte Angst davor, das Leben zu lieben. Das war wirklich so.

Uta: Warum hatte deine Seele Angst davor, weißt du das heute?

Felix: Weil ich das Leben dann wichtig genommen hätte. Weil ich Angst hatte, nicht damit fertig zu werden, wenn ich vom Leben enttäuscht bin.

Uta: Ist dir das in anderen Leben passiert?

Felix: Ja, ja, man! Das ist passiert, ich habe mir vorgenommen, das Leben NIE WIEDER zu lieben.

Uta: Oh je!

Felix: Mist, oder?

Uta: Ganz großer Mist! Und jetzt?

Felix: Na ja, ich habe nicht mit meiner Familie gerechnet.

Uta: Was meinst du damit?

Felix: Ich seh doch, was los ist! Die vermissen mich, die wollten nie was Anderes, als dass ich mit ihnen bin!

Die leiden, verdammt noch mal!

Und ich sitze hier und erzähl so einer Tante wie dir, was Sache ist.

DAS ist Sch…! Nicht dass ich da war, war Sch… für sie, sondern das ich NEIN, Danke! gesagt habe: zum Leben, zur Liebe und zu Ihnen.

Nein, Danke schön, gebt euch keine Mühe, ich merke das sowieso nicht!

Aber ich HABE es gemerkt und deshalb habe ich gelernt!

Es ist feige, das Leben nicht lieben zu wollen, und es ist oberfeige, Liebe nicht fühlen zu wollen!

Das mache ich nie, nie, nie wieder!

Sag meiner Mama: Ich spüre ihre Liebe, ich habe immer gewusst, dass sie mich liebt.

Sag es allen in der Familie, sag es den Freunden: Ich habe es gespürt, aber ich war einfach zu feige, das an mich ran zu lassen, INNEN!

Außen ja, innen nein!

Zu sagen, es tut mir leid, ist echt blöd, echt!

Aber es ist wahr: Es tut mir leid. Nur: Ihr müsst wissen, ich habs versucht, zu schaffen, mir fehlte aber der Mut.

Es hat mit der Liebe zum Leben und zu mir einfach noch nicht gereicht. Ich mach es besser, das verspreche ich euch allen!

Ihr habt verdient, dass ihr das wisst. Es lag niemals an euch!

Es lag auch nicht an den Schwierigkeiten oder irgendeinen Liebeskummer.

Jeder Mensch hat sowas, aber er bringt sich deswegen nicht um.

Ich hatte einfach nicht genug Mut, das Leben zu nehmen, wie es gerade kommt.

Ihr habt mir so viel Mut gemacht, so oft gezeigt, dass es immer irgendwie weitergeht.

Ihr habt mir so oft meine Dummheiten verziehen, habt meine Launen ertragen, ihr wart immer so offen mit mir und ich habe mich immer mehr verschlossen.

Das war nicht fair von mir!

Aber das Dümmste war, dass ich mich in Selbstmitleid gebadet habe. Doch, doch! Das ist wahr, habe ich!

Selbstmitleid nicht nur im Leben als Felix, das habe ich vorher schon getan.

Zwei Leben hintereinander habe ich mich bedauert, dafür leben zu müssen. Was für ein Mist, oder? Klar ist das Mist!

Dass ich darauf nicht stolz bin, ist klar, oder? Aber ich will euch auch sagen: Das ist in der Familie und darum tut bitte endlich was!

Sonst bin ich gleich zweimal umsonst gestorben! Das muss aufhören: Leben ist leiden! Man, was für ein Sch…!

Aber das wird in der Familie geglaubt und von einer Generation zur anderen weitergegeben.

Bitte macht dem ein Ende, hört auf, sowas zu glauben!

Ich habe das voll und ganz geglaubt und deswegen habe ich mich umgebracht. Weil ich glaubte, dass Leben leiden heißt und Sterben Erlösung ist.

Ach Mensch, das ist doch FASCH!

Leben kann so schön sein, immer wieder. Es geht mal bergab und dann wieder bergauf. Es gibt Beides: Unglücklich sein und Glücklich sein. Beides.

Ja, so, fertig!

Uta: Das war eine richtige Ansprache, hast du die vorbereitet?

Felix mit strahlendem Lächeln…

Wie hübsch er ist, wenn er lächelt.

Felix: Klar!

Uta: Meinst du, dass wir deiner Mutter noch beweisen müssen, dass du es bist, der mit mir spricht?

Felix: Ach Quatsch, das weiß sie.

Sag ihr: Hier muss ich nie Spray in meine Turnschuhe tun (Anmerkung: ich weiß nicht, ob ich diesen Satz richtig verstanden habe).

Felix: Kannst ihr auch sagen: Ich huste nicht mehr, wenn ich sauer bin… ne, komm lass sein, ist gut jetzt. Das ist echt anstrengend mit dir, kannst du nicht schneller schreiben?

Uta: Nein…

Felix: Na gut. Ich wette, du machst keinen Sport!

Uta: Da brauchen wir gar nicht wetten.

Felix: Ist aber für ältere Damen wirklich gut! (Grinst.)

Uta: Also, dann fangen wir mit dem Brief deiner Mama an?

Felix: Klar!

Uta: Ich lese dir vor, was sie dir geschrieben hat und du unterbrichst mich, wenn du dazu etwas zu sagen hast, einverstanden?

Felix: Ja.

Deine Mutter schreibt:

Hallo meine Süße,

Felix: Süße? Hey (grinst und verdreht die Augen), Okay, genehmigt!

Wie geht es dir?

Gut! Es geht mir gut! Weil ichs endlich verstanden habe, was ich loslassen muss: das Selbstmitleid!

Du kannst dir nicht vorstellen, wie erdrückend das war. Jetzt habe ich das verstanden, wirklich verstanden, seitdem geht’s mir viel besser.

Es war nicht schön, das zu sehen, was euch angetan habe, aber das hat mich aufgeweckt.

Ich habe euch DOCH geliebt! Meine Glocke hat einen Klang gemacht, nur in meinem ewigen Selbstmitleid konnte ich das nicht hören.

Es war schon bitter, zu verstehen, dass ich das hätte haben können, dass ich es aber abgelehnt habe.

Und noch schlimmer war, zu sehen, was ich euch allen angetan habe. Aber ich weiß jetzt, dass es wirklich gut ist, etwas zu bereuen.

Doch, echt! Weil man das dann anders macht! Und ich werde das anders machen, ganz sicher, nie wieder sowas Blödes!

Was machst du gerade?

Der Frau hier Antworten diktieren?

Ne, Quatsch, ich weiß, was du meinst! Du, ich lerne.

Ich verbinde mich mit vielen Seelen und lerne von ihnen, wie man Selbstmitleid aufgibt, wie man Liebe daraus macht. Das ist so sagenhaft spannend!

Ich war wirklich ein Esel! Echt!

Möchtest du uns etwas mitteilen?

Felix: Na ja, habe ich, glaube ich, jetzt schon gemacht. Du, hört nicht auf, euch lieb zu haben.

Aber bitte, bitte hört auf, euch Vorwürfe zu machen. Das ist Quatsch, dass ihr es hättet merken müssen. Ich war voll im Training, euch so gut wie NICHTS davon zu zeigen, was in mir vorging!

Wenn ihr auf mich sauer seid manchmal, dann ist das schon okay, ihr habt doch recht. Sowas tut man den Menschen nicht an, die einen liebhaben. Das hat GAR KEINER verdient.

Ist okay, wenn ihr das so seht. Ich weiß, dass ihr euch meistens damit tröstet, dass ich krank war.

Stimmt ja auch. Aber dass ich mir keine Hilfe gesucht habe, DAS war gemein!

Mir tut es so leid, dass ihr darunter zu leiden habt. Ich kann nur eins sagen und dazu stehe ich: Es lag NICHT an euch!

Aber ich weiß, dass ihr Angst davor habt, dass sowas wieder passieren könnte. Muss es aber nicht.

Trotzdem: Ihr könnt was verbessern.

Das mit dem „Leben-ist–Leiden“-Mist, lasst das sein, glaubt nicht an so was!

Naja… sonst… och… ja, ich habe euch lieb.

Und ja, ich bin euch dankbar!

Und Nein! Ihr habt mich NICHT im Stich gelassen.

Bist du manchmal noch bei uns?

Felix: Du, echt jetzt, ich finde das schwierig zurzeit. Das ist – glaube ich – besser, wenn ich erstmal warte, wie ihr euch entwickelt.

Ehrlich gesagt: Es tut verdammt weh, zu sehen, dass ich Schuld bin an eurem Leid jetzt. Ich würde sonst was dafür geben, wenn ich das wieder gut machen könnte, aber ich kann nicht.

Wenn ich bei euch bin, ist das eben einfach nicht schön. Nicht nur für mich, auch nicht für euch. Ich zieh mich dann immer schnell wieder raus.

Wenn du bei uns bist, worauf soll ich achten?

Felix: Du musst auf gar nichts achten, darum geht es doch gar nicht. Ich weiß, was du fühlst, was wahr ist in dir. Das kannst du doch nicht wegmachen. Das mit dem sich verstellen, das klappt doch im Jenseits gar nicht, wie denn?

Ich weiß, deine Gefühle sind manchmal völlig durcheinander… vielleicht hilft dir der Brief hier? Wäre gut!

Wir vermissen dich wahnsinnig!!! Es ist fast vier Jahre her, aber die Zeit ist für uns stehen geblieben!!!

Felix: Das ist es eben: Du stehst still und ich bin nicht mehr der, der sich getötet hat.

Du stehst immer noch an meinem Grab… komm da weg bitte. Lass dir helfen bitte, ich schaff das nicht von hier aus, das kann ich nicht.

Bleib nicht an meinem Grab stehen, geh weiter, bitte, bitte, bitte!

Das schlimmste ist, dass ich mich oft verstellen muss, weil ich nicht will, dass Marlene und Leon sich Sorgen um mich machen.

Felix: Weiß ich und: Ja doch, das tut mir leid, sehr, sehr leid. Aber auch: Du, es muss reichen, dass es eine schmerzvolle Erinnerung ist.

Es muss reichen, dass es wahr ist, wenn ich sage: Das war gemein und unfair und ohne Liebe, was ich da gemacht habe und ich werde es nie wieder so leben und du wirst es nie wieder so erleben und erleiden. Nie wieder!

O Mann, Feli, ich versuche alles, alles, wirklich alles, dich loszulassen, aber es geht nicht… war bei Familienaufstellung, hab wieder mit Yoga angefangen, was ich in Indien gelernt habe, aber es hilft nichts…

Felix: Mich loslassen, ne! Bitte nicht, lieb mich, ich lieb dich auch, JETZT erst ganz und ganz bewusst. Ich lasse meine Liebe zu dir nie, nie, nie wieder los.

Und du? Deine zu mir? Das geht doch nicht, das ist doch nicht wahr.

Aber bitte lass den Selbstmörder los!

Du brauchst echte Hilfe dabei, ich weiß das. Bitte, geh doch zu der Frau hier, die so langsam schreibt, denken kann die schnell… lass den Selbstmörder gehen.

Lass es uns zusammen versuchen, das kannst du noch für mich tun.

Ich liebe dich sosehr, dass es mir weh tut!

Felix: Ich dich auch, euch alle und ich kanns aushalten, ich schaff es!

Komm, weinen wir ein bisschen, schade, dass du mich nicht massieren kannst (weint).

Pause…

Uta: Felix? Geht’s wieder?

Felix: Ja, alles okay! Danke!

Uta: Ich danke dir. Du möchtest deiner Familie, besonders deiner Mutter gerne helfen?

Felix: Ja, aber mehr als dass hier ist erstmal nicht drin, hilfst du meiner Ma?

Uta: Wenn ich darf, gerne.

Er dreht sich um, ich sehe vor mir einen breiten Fluss, eine Art Ausflugschiff sehe ich darauf, es ist ein Sommertag, wunderschön…

Felix steht da am Flussufer und winkt… dann wird es hell.

Er ist für mich nicht mehr zu sehen.