0913: Maria, die Besetzung von Beate, geht ins Licht.

 Die Loslösung der Besetzung von Beate: Maria geht ins Licht.

Uta und Hajo

Uta. Ich glaub, ich hab Kontakt. Ich bin nachts bei Beate.

Hajo. Ja.

U. Beate schläft. Es scheint so ein bisschen der Mond rein. Es ist abnehmender Mond. Der Himmel an sich ist trübe, aber ich kann das sehen. Und ich sehe auch Beate. Sie schläft ganz ruhig.

Ich schau mich um. Okay, ich hab Maria. Maria hat sich ans andere Bettende gesetzt. Sie schaut zum Mond. Sie ist eine kleine Frau, blond, ein ganz weiches Gesicht, ganz lieb.

Ich schau mal, ob sie mich sieht. Nein. Ich geh mal näher zu ihr. Ich geh mal näher zu Beate. Jetzt schaut sie zu mir. Aha, jetzt sieht sie mich. Sie fragt mich, was ich da will, was ich da mache und wer ich überhaupt bin.
Vielleicht sprichst du jetzt mit ihr.

H. Maria?

Maria: Wer bist du überhaupt? Was machst du hier? Hier dürfen keine Fremden rein. Es …

H. Maria!

M. Ja.

H. Ich möchte mit dir sprechen.

M. Da kann ja jeder kommen.

H. Dein Bruder, der Paul schickt mich.

M. Ja, das ist ja jetzt ein Trick. Das weiß ich jetzt. Du bist ein ganz, ein ganz Falscher, wenn du so was sagst.

H. Maria, du bist doch schon gestorben. Kannst du dich dran erinnern?

M. Du erzählst ja jetzt ein Unsinn. Ich lieg ja hier im Bett. Ich schlafe, da kann ich ja nicht gestorben sein. Das weiß ja jetzt jeder.

H. Maria? Ich weiß von dir, dass du sehr viel Karten gelegt hast.

M. Das machen wir jetzt nicht mehr!

H. Ja, weil du Angst davor bekommen hast.

M. Ja, weil ich das eingesehen hab. Das kann so nicht weitergehen. Das hat mir ja die Liesel gesagt, weil, das ist ja meine Nachbarin, und die hat gesagt: So kann’s nicht weitergehn. Schau dich an, wie du ausschaust, befragst ja nur noch deine Karten und bist ganz verwirrt. Und da hab ich gesagt: Recht hast du. Und dann hab ich auch aufgehört. Nein, das machen wir jetzt nicht mehr.

H. Liebe Maria, das weiß ich. Aber dann hast du soviel Angst bekommen, dass du Tabletten geschluckt hast. Und dann bist du gestorben.

U. Jetzt schaut sie ganz groß. Jetzt schaut sie … sie schaut nach. Hände hat sie, Beine hat sie. Mach sie mal drauf aufmerksam, dass sie hier unten am Bettende sitzt und die Beate liegt.

H. Maria, schau du sitzt am Bettende und Beate liegt und schläft.

U. Jetzt schaut sie wieder. Sie schaut auf die Hände, schaut zur Beate. „Das gibt’s ja gar nicht“, sagt sie.

H. Weißt du, warum du nicht schläfst?

U. Warte, ich muss das jetzt ausprobieren. Jetzt schaut sie … steht sie auf, geht ans Kopfende und schaut der Beate ins Gesicht. Jetzt fasst sie ganz zart in Angelikas Gesicht und schaut mich ganz erschreckt an. Sie sagt: Ich spür sie nicht.

H. Ja, du bist nicht Beate.

U. Jetzt fasst sie sich an und sagt: Aber ich spür doch mich.

H. Ja. Du bist nicht im Jenseits. Du bist auch nicht lebendig. Du bist nur geblieben, weil du das Jenseits noch nicht gefunden hast.

M. Das versteh einer.

H. Ja, Maria, das ist auch ein bisschen schwierig, aber du hast dich nicht getraut.

U. Sie kann grad nichts mehr. Sie geht durchs Zimmer und jetzt fasst sie alles an. Sie fasst das Bett an, sie fast überall an, die Wände. „Ich spür ja nichts“, sagt sie, „ich spür ja nichts“!

H. Nein, du kannst auch nichts mehr spüren. Du lebst nicht mehr.

M. Ich spür nur mich. Und wer bist jetzt du?

U. Jetzt kommt sie zu mir. Sie fasst mich an.

M. Aber dich spüre ich.

H. Ja.

M. Bist du auch tot?

H. Nein. Das ist ein Medium. Ein Medium kann mit Lebendigen und mit Toten sprechen.

U. Jetzt hält sie meine Hände. Sie zittert.

M. Jetzt hab ich Angst.

H. Ja, Maria, aber das brauchst du nicht.

M. Ja, was hab ich denn falsch gemacht?

H. Gar nichts, Maria, du hast nichts falsch gemacht.

M. Immer geht alles schief, was ich mache.

H. Maria.

M. Ich wollte nicht … warum bin ich jetzt hier so?

H. Weil du nicht das Licht gefunden hast.

M. Was ist denn passiert?

H. Du bist gestorben. Jeder Mensch stirbt.

M. Ja, aber ich war ja gar nicht krank.

H. Nein, aber du bist an Tablettenvergiftung gestorben.

U. Oh ja, jetzt gibt’s einen Sprung.
Wir sind jetzt in einer anderen Wohnung. Das ist ein Bad mit hellblauen Fliesen, ein Badezimmerschränkchen, so ein Dreiteiliges. Sie nimmt sich acht, zehn oder elf Tabletten. Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht schlafen, sagt sie, schlafen will ich, nur schlafen, Ruhe.

Sie tut mir so leid, Hajo, sie zittert am ganzen Körper.

H. Maria, Maria, das ist vorbei. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Es ist vorbei.

M. Komm ich in die Hölle?

H. Nein, du kommst in den Himmel zu deinem Bruder.

M. Der Paul ist im Himmel.

H. Ja, der passt jetzt schon auf dich auf. Der holt dich auch ab.

M. Paul ist erfroren.

H. Ja, aber er ist im Himmel. Der wartet auf dich.

M. Aber er hätte nicht erfrieren müssen. Ich habe ihm die Decke weggezogen.

H. Das ist doch jetzt egal. Paul beschützt dich. Paul behütet dich. Paul wartet auf dich. Er ist dein Bruder.

M. Ich war ja auch erst vier.

H. Ja, das kannst du ja auch alles nicht wissen.

M. Tot? Wo soll ich denn jetzt hingehen?

H. Zu deinem Bruder.

M. Nein, der ist ja im Himmel.

H. Ja, und du gehst auch in den Himmel.

M. Da kann ich nicht sein.

H. Doch.

M. Nein, ich hab ja immer alles falsch gemacht.

H. Aber deswegen bist du doch ein ganz lieber Mensch. Du hast doch keine Schuld. Schau, du hast deine Heimat verloren, du hast alles verloren, was dir lieb war, als du Kind warst.

U. Sie geht wieder zurück zur Beate.

M. Hab ich ihr wehgetan?

H. Nein. Du hast ihr nicht wehgetan. Aber du gehörst nicht in Beate.

M. Hab ich ihr irgendwas gemacht, Kopfschmerzen oder so was?

H. Nein, sie konnte nur nicht mehr Kartenlegen.

M. Sicher nicht?

H. Sicher nicht.

M. Ich wollte ihr nicht wehtun.

H. Nein, aber du gehörst nicht hierhin. Du gehörst zu deinem Bruder.

M. Sie ist lieb. Sie ist lieb, weißt du! Sie ist klug.

H. Genauso wie du, lieb und klug. Deswegen mochtet ihr euch auch so.

M. Ja, aber hartnäckig ist sie auch.

H. Ja.

M. Sie macht, was sie will.

H. Ja. Das ist ja auch ihr Leben.

M. Ich hab ihr nicht wehgetan, nein, nein, nein.

H. Aber du gehörst nicht hierher.

M. Hab ich ihr böse Träume gemacht?

H. Ein bisschen schon, ja. Und dass sie nicht mehr Kartenlegen konnte, das hat sie schon geärgert.

M. Och, das … das soll sie auch nicht so machen. Das ist nicht gut.

H. Na, sie macht’s jetzt auch anders. Ich verspreche es dir.

M. Sie ist empfindlich. Das merkt keiner. Sie ist ganz empfindsam, eine empfindsame Frau.

H. So wie du auch.

M. Ja.

H. Ihr gleicht euch schon.

M. Wenn einer mit ihr was schimpft, dann fragt sie sich immer gleich, was kann sie besser machen.

H. Ja. Maria, schaust du dich mal um, ob du Licht siehst?

M. Ich bin jetzt ganz durcheinander.

H. Maria, schau dich mal um, ob du irgendwo Licht siehst.

M. Ich hab gedacht, tot sein ist ganz anders.

H. Ja, da hast du recht. Es ist auch ganz anders.

M. Ein Licht haben wir jetzt nachts nicht brennen. Nein, das machen wir nicht. Man muss ja Energie sparen.

H. Schau doch mal in den Mond.

M. Der ist schön.

H. Ja.

M. Der ist ja schön traurig.

H. Der hat auch eine schöne Lichtstrahlung.

M. Es ist ja eher neblig drum herum.

H. Ach so. Wo, meinst du denn, könnte der Paul sein? Er möchte dich abholen.

M. Im Himmel, oben.

H. Ja, der kommt jetzt runter zu dir.

U. Hajo, da ist eine Tür.

H. Eine Tür, ja.

U. Hinter der Tür ist sehr viel Licht. Ich vermute, dass sie die Tür aufmachen muss.

H. Genau. Maria, mach doch bitte mal die Tür auf, hinter der noch Licht ist.

M. Wer hat denn da jetzt das Licht wieder angelassen.

H. Mach sie bitte mal auf.

M. Das ist aber hell. So ein helles Licht haben wir doch gar nicht.

H. Wir nicht, nein. Das ist jetzt das Jenseits. Und wenn du möchtest, kommt jetzt der Paul aus dem Licht heraus.

M. Das trau ich mich nicht. Der wird mich schimpfen.

H. Nein, der schimpft dich nicht.

M. Weil, ich hab ihn ja umgebracht.

H. Nein, du hast ihn nicht umgebracht. Das geht ja gar nicht.

M. Aber die Mami hat auch gesagt: Da schau, was du angerichtet hast. Du hast ihm die Decke weggezogen und jetzt ist er tot!

H. Aber du warst erst vier. Das wusstest du doch gar nicht.

M. Ich wollte doch nicht meinen Paul … (weint)

H. Jetzt schau mal, ob du den Paul siehst. Er wird dich grüßen. Er wird dir verzeihen.

M. Ich soll die Tür aufmachen?

H. Ja.

M. Ich mach die Tür nicht auf. Ich hab so Angst.

H. Ja, ist gut. Jetzt geht die Tür auf.

U. Da steht ein kleiner Junge, blond. Und er zeigt ihr seinen dicken Schal und er hat eine Decke bei sich, so eine braune, stachelige Decke. Und er zeigt ihr, sie soll kommen. Er will sie wärmen. Er sagt: Es ist doch so kalt, wo du bist. Sie soll kommen.

Sie weint und geht in die Knie und weint, und weint.
Hajo, sprich sie an.

H. Maria … Maria.

M. Es ist Paul und es ist die Decke.

H. Ja. Paul ist jetzt ein Engel und du wirst auch ein Engel werden.

M. Er ist gar nicht gewachsen, siehst du?

H. Ja. Er wächst, wenn du zu ihm gehst. Dann wächst er und wird so groß wie du.

M. Ich wollt nicht, Paul, dass du tot bist. Ich wollt so vieles nicht. Ich hab so Angst bekommen, dass es einer merkt … dass es einer merkt … dass man es mir ansieht, was ich getan hab. Dass die Menschen mich anschauen und freundlich mit mir reden, aber merken, eigentlich ist es eine Brudermörderin. Das war schlimm, das war so schlimm.
Ich geh jetzt zum Paul.

H. Ja, dann geh.

M. Ich hab ihn so lieb, immer schon gehabt. Er war doch mein großer Bruder.

H. Ja, dann nimm ihn jetzt in die Arme.

M. Die Beate bin nicht ich.

H. Nein.

M. Sie ist sie.

H. Aber wenn du im Himmel bist, darfst du als Engel sie beschützen.

M. Ja?

H. Ja.

M. Dass die mir ja nicht zuviel Karten legt.

H. Nein.

M. Und sie darf nicht solche Angst haben, etwas falsch zu tun.

H. Mhm.

M. Und es gibt gar nichts, gar nichts Dunkles in ihren Karten.

H. Na, siehst du. Da passen wir schon auf.

M. Sie ist wie mein Engel. So schön war es bei ihr, so schön.
Wenn ich ihr wehgetan hab … es tut mir so leid. Es tut mir leid, ich wollte das nicht. Ich war ganz durcheinander. Sie ist ja vorsichtig mit allem. Sie muss aufpassen, dass daraus keine Angst wird.

H. Ja.

M. Ich möchte jetzt zu meinem Paul.

H. Jetzt gehst du zum Paul. Jetzt!

M. Es ist schön da.

H. Ja, sehr schön.

M. Das ist ja unsere Heimat.

H. Ja.

M. Das ist ja … das ist ja, das ist ja die Wasserkuppe. Da sind wir Schlitten gefahren im letzten Winter.

H. Ja, dann geh mal.

M. Der Paul hat den Schlitten dabei.

H. Ja.

M. Paul, meine Mama, mein Vater … mein Vater! Sie sind ja da.

H. Ja, geh jetzt.
Uta?

U. Hm.

H. Ja.

U. Das ist schwer, sich hier zu lösen.

H. Ja, das musst du aber.

U. Paul hat sie an die Hand genommen. Die Mutter hat ihr die Decke umgehängt. Und der Vater nimmt sie und trägt sie, trägt sie und geht. Sie gehen Stufen hoch und dahinter irgendwo ist ein Berg mit Schnee.

H. Gut.

U. Gut.

H. Ja, dann komm bitte mal wieder zurück.

U. Beate schläft noch. Ich glaub, sie hat geträumt.